Texte

Ruinen, Modelle, Prototypen
Die Kulturwissenschaftlerin Johanna Köhler über Sven Gatters 'Gehöft'

Im Jahr 2018 erhielt Sven Gatter durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg ein Aufenthaltsstipendium für das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Dort, im ländlichen Raum des Niederen Fläming, begann er, sich leerstehenden, teils völlig verfallenen Gehöften zu widmen. Seither arbeitet Gatter an einer Serie von Schwarzweißfotografien, die die Reste dieser Architekturen und das in ihnen zurückgelassene Inventar zeigt. Seinen Bildgegenstand macht er dabei nur fragmentarisch sichtbar, wodurch eine konkrete Verortung der vor der Kamera befindlichen Objekte unmöglich wird. Stattdessen treten ihre Erscheinungsformen und Ordnungen in den Vordergrund. Dass er diese Ordnungen nicht einfach vorfindet, sondern im Prozess des Fotografierens sowie durch die installative Präsentation der Bilder selbst konstruiert, offenbart sich vielleicht erst nach eingehender Betrachtung. Die dabei entstehenden Momente der Irritation aber sind Sven Gatter willkommen. Durch sie werden genau die Suchbewegungen im Prozess der Werkrezeption erlebbar, die er zuvor als Künstler mit der Kamera vollzogen hat.

Inzwischen reiht er in seine Gehöft-Serie auch Studiofotografien und Skulpturen ein. In diesen Arbeiten, die er als „Modelle“ und „Prototypen“ bezeichnet, inszeniert er die im Landschaftsraum vorgefundenen architektonischen Fragmente assoziativ nach. In einer Zeit, in der sich weder der Anspruch auf Wahrheit, noch der auf Authentizität innerhalb des Mediums Fotografie ernsthaft aufrechterhalten lassen, rückt er so die Erkenntnismöglichkeiten in den Blick, die sich jenseits realitätsgetreuer Abbildungsideale bieten. Überraschend ist dabei vielleicht, dass sich die Ergebnisse der verschiedenen Arbeitsweisen so gut ergänzen. Das mag daran liegen, dass sie gleichermaßen artifiziell wirken. Vor allem aber verbindet sie wohl das Unfertige, auf das die im Niedergang befindlichen Ruinenfragmente ebenso verweisen, wie die auch als Symbole des Neuanfangs zu verstehenden Modelle und Prototypen.

Johanna Köhler, Kulturwissenschaftlerin (Berlin 2020)



Gewöhnliche Leute
Die Kunsthistorikerin Franziska Lietzmann über Sven Gatters Porträtfotografien

In einer Einzelausstellung präsentiert die Galerie Alles Mögliche vom 20. November 2010 bis zum 09. Januar 2011 mehr als dreißig Porträtarbeiten des Fotografen Sven Gatter. Die Bilder zeigen Menschen jeglicher Altersgruppen, zumeist bei ihrer Freizeitbeschäftigung. Und doch auch wieder nicht. Vielmehr scheinen die Dargestellten zu pausieren oder zu zögern. Lediglich einzelne Details im Bild – ein schüchterner Blick, die Körperhaltung, die Kleidung, eine Angel – verweisen auf ihre Tätigkeiten oder Amüsements. So erzeugt Gatter eine seltsame Spannung zwischen Dargestelltem und Betrachter, die über die abgebildeten Personen hinaus weißt und unweigerlich die Frage aufwirft: Welche Geschichte tragen diese Leute eigentlich im Gepäck?

Eine Antwort liefert Gatter nicht. Mit dem Titel der Ausstellung aber, den er von dem gleichnamigen, 1969 erschienen Erzählband des ostdeutschen Schriftstellers Werner Bräunig leiht, legt er eine Fährte. Bräunigs Erzählungen sind ‚Streifgeschichten’. Wie zufällig begegnet man in ihnen den einfachen Leuten – Handwerker, Arbeiter oder Fernfahrer – die sich mit dem sozialistischen Alltag in der DDR zu arrangieren suchen. Das Leben dieser Menschen ist gewöhnlich, aber alles andere als banal. Immer wieder wird der Leser verblüfft ob der Tiefgründigkeit der handelnden Personen, die sich nach und nach in den Texten entfaltet. Es ist vor allem sein ganz eigener Gebrauch der Sprache, mittels derer Bräunig seinen Protagonisten Authentizität und Wahrhaftigkeit verleiht und die sie letztlich zu Sympathieträgern werden lässt.

Auch die ‚Leute‘ in Gatters Porträts wirken sympathisch, so als blicke der Fotograf aus Verbundenheit mit großem Wohlwollen auf die Menschen vor seiner Kamera. Zugleich aber umweht die Porträtierten eine melancholische Entrücktheit, mit der sie sich deutlich von Bräunigs Figuren unterscheiden. Es scheint, als habe sich die Geschichte des ostdeutschen Umbruchs in die Bildnisse eingeschrieben und als gelte es abzuwarten, welche Wendungen diese Geschichte noch bereithält.

Sven Gatter, geboren 1978 in Halle an der Saale, begann sich während seiner Studienzeit autodidaktisch mit dem Medium Fotografie auseinanderzusetzen. 2006 diplomierte er an der Fachhochschule Erfurt im Fach Sozialpädagogik mit der Arbeit „Fotografische Bilder als Quellen der empirischen Sozialforschung“. Über sein Interesse an der Porträtfotografie sagt Gatter, dass er nach „Bildern mit soziologischem Duktus“ suche, „und zugleich nach einer Poesie, die über eine sozialdokumentarische Ebene hinausgeht“. Sven Gatter lebt und arbeitet in Berlin.

Franziska Lietzmann, Kunsthistorikerin (Berlin 2010)