Luft Schiffe

Luft Schiffe (2015)
Inkjet-Prints, Archivmaterial und Text, Größe und Präsentation variabel

Nach allem, was ich gelesen habe, muss die Euphorie der Menschen groß gewesen sein, als im Dezember 1904 erstmals in B. ein bemannter Gasballon aufstieg. Dass damals Hauptmann von Kehler und der geheime Regierungsrat Busley mit ihrem Gefährt ausgerechnet in der kleinen Industriestadt starteten, war kein Zufall. Dank der im Umland gewonnenen Braunkohle entwickelte sie sich gerade zu einem wichtigen Standort der Chlor-Alkali-Elektrolyse. Der dabei als Abfallprodukt anfallende Wasserstoff galt als exzellentes Traggas. Und weil dieses in B. nun nicht nur in großen Mengen, sondern auch zu günstigen Preisen verfügbar war, wurde die Stadt in den folgenden zwanzig Jahren zu einem weltweit bekannten Zentrum der Ballon- und Luftschifffahrt.

Jene Blütezeit ist lange vorüber, auch der Bergbau ist in der Gegend inzwischen Geschichte. Die Bewohner fluteten die alten Gruben und nutzten sie fortan für ihre Freizeitaktivitäten. Das Potential der neu geschaffenen Seen erkannten im Frühling 2004 auch die Vertreter der UIM (Union Internationale Motonautique). Noch in derselben Saison entschieden sie, die von ihnen veranstalteten Welt- und Europameisterschaftsläufe der Formel-500-Schnellboote auch auf diesen Gewässern auszutragen. So wurde B., genau hundert Jahre nachdem sich dort der Traum vom Fliegen verwirklicht hatte, zu einem Pilgerort des motorisierten Wassersports.

Aus: Luft Schiffe, 2015