Kategorie: Arbeiten

Findling

2017,
1 digitaler S/W-Print,
1 Textblatt

Es ist fünf Jahre her, dass ich im Stadtarchiv von B. auf den Zeitungsaufruf eines Vereins ehemaliger Bergleute aufmerksam wurde. Gesucht wurden Menschen, die als Paten die Entstehung eines Findlingsgartens unterstützen. Mithilfe der Paten sollte ein Teil der Kosten gedeckt werden, die für die geologische Bestimmung der Findlinge und die Pflege der Fläche, auf der sie präsentiert werden sollten, anfallen würden. Auf Nachfrage teilte mir der Verein mit, dass die Patenschaftsidee nach gut einem Jahr aufgegeben worden sei, weil sich nur eine einzelne Person gemeldet hätte.

Zunächst enttäuschte mich der Umstand, dass es offenbar nicht genügend Menschen in der Region gibt, die sich für die Realisierung des Gartens einsetzen möchten. Bald aber begab ich mich auf die Suche nach der einen Person, die das Projekt unterstützen wollte. So lernte ich Ernst Paupitzsch kennen und erfuhr, dass er sich, wenn es darauf ankäme, auch heute noch als Pate zur Verfügung stellen würde. Befragt nach seinen Beweggründen erzählte er mir, dass er in einer Gemeinde aufgewachsen sei, die später dem Braunkohlebergbau zum Opfer fiel. Die Hoffnung, dass der Findlingsgarten irgendwann auf der Gemarkung errichtet werden könnte, auf der einst sein Heimatdorf stand, verschaffe ihm einen gewissen Trost.

Bernsteine

2015–2016,
1 analoger C-Print,
1 digitaler S/W-Print,
1 Textblatt

Rund zwanzig Jahre lang existierte in einem der alten Tagebaue eine geheime Förderanlage, in der bis zu neunundvierzig Tonnen Bernstein pro Jahr abgebaut wurden. Das Rohmaterial transportierte man größtenteils nach Ribnitz-Damgarten, wo es Spezialisten bearbeiteten und als Ostsee-Bernstein weiterverkauften.

Ein Teil des wertvollen Gesteins allerdings fand seinen Weg zu einem inzwischen pensionierten Schuhmacher, der eine eigene Werkstatt am Stadtrand von B. betrieb. ‚Obwohl die Bergleute alle Genossen waren, haben sie geklaut wie die Raben. Und einige kamen dann regelmäßig zu mir, um sich die Fundstücke, wie sie sie nannten, veredeln zu lassen’, erinnerte er sich. Schmunzelnd erklärte er mir, dass die Schleifmaschinen, die er für die Lederpolitur besaß, bei der Schmuckbearbeitung ebenso gute Dienste leisteten. ‚Sogar den Klunkern, die der VP-Helfer heimlich für seine Damen abgriff, habe ich den letzten Schliff verpasst’, so der Mann. Gänzlich umsonst hätte er seine Dienste und die Maschinen natürlich nicht zur Verfügung stellen können. Und so hütet er bis heute eine beachtliche Sammlung roher und goldklar veredelter Steine.

Luft Schiffe

2015,
6 digitale C-Prints,
1 Textblatt

Nach allem, was ich gelesen habe, war die Euphorie der Menschen groß, als am 28. Dezember 1904 erstmals in B. ein bemannter Gasballon aufstieg. Dass damals Hauptmann von Kehler und der geheime Regierungsrat Busley mit ihrem Gefährt ausgerechnet in der kleinen Industriestadt starteten, war kein Zufall. Dank der im Umland gewonnenen Braunkohle entstand hier gerade ein wichtiger Standort der Chlor-Alkali-Elektrolyse. Der dabei anfallende Wasserstoff galt als exzellentes Traggas, das fortan in B. nicht nur in großen Mengen, sondern auch zu günstigen Preisen verfügbar war. So entwickelte sich die Gemeinde in den folgenden zwanzig Jahren zu einem weltweit bekannten Zentrum der Ballon- und Luftschifffahrt.

Diese Blütezeit ist lange vorüber, inzwischen ist in der Gegend auch der Bergbau Geschichte. Die alten Gruben allerdings wurden von den Bewohnern saniert und geflutet. Sie bieten seither ideale Bedingungen für den Wassersport, worauf im Frühjahr 2004 auch die Vertreter der UIM (Union Internationale Motonautique) aufmerksam wurden. Nur wenige Zeit später entschieden sie, die finalen Weltmeisterschaftsläufe der Formel-500-Schnellboote auf einem der neu entstandenen Seen auszutragen. So wurde die Stadt also, genau hundert Jahre nachdem sich dort der Traum vom Fliegen verwirklicht hatte, zu einem Mekka des Motorbootsports.

Hütten

2013–2016,
3 analoge C-Prints,
1 digitaler S/W-Print,
1 Textblatt

Ich war etwa zwölf Jahre alt, als ich auf meinen Streifzügen in der Nähe von B. eine verlassene Hütte bemerkte. Sie stand auf einem Grundstück, das Teil einer Gartenkolonie war. Ich erkundete den Verschlag, prüfte den Zustand des Dachs und plante umfangreiche Reparaturarbeiten. Schon bei einem meiner nächsten Besuche aber wurde ich von einem Mann überrascht und aus der Anlage vertrieben. Meiner Neugierde tat dieses Erlebnis keinen Abbruch. Noch heute empfinde ich ein kindliches Glück, wenn ich irgendwo eine verwaiste Hütte entdecke.

Als ich mich kürzlich wieder in B. aufhielt, kam ich mit einer alten Dame ins Gespräch. Wie sich herausstellte, gehörte sie zu der Pachtgemeinschaft, die die Gartenkolonie einst bewirtschaftete. Sie zeigte mir Bilder ihrer Parzelle und berichtete, dass die Gärten wegen der Nähe zum Bergbaugelände stets von Räumung bedroht gewesen seien. Tatsächlich abgerissen wurden sie, als man den Tagebau eingestellt hatte und zu sanieren begann. In einer Zeit, als sich ohnehin alles zu ändern schien, schmerzte die Frau der Verlust ihres kleinen Grundstücks ganz besonders. Diesen Schmerz spüre sie bis zum heutigen Tag.

Gottes Aue

2010–2018,
33 analoge C-Prints,
1 Textblatt

Mehr als hundert Jahre lang sicherte der Braunkohlebergbau im Umland der kleinen Stadt B. die Stromversorgung der örtlichen Betriebe. Von den kostengünstigen Brennstoffvorkommen profitierte vor allem die chemische Industrie, deren wirtschaftliche Erfolge die Einheimischen für lange Zeit mit einem Gefühl der Bedeutsamkeit erfüllten. Vor gut fünfundzwanzig Jahren allerdings stellten umfassende gesellschaftliche Veränderungen die Produktionsbedingungen und die Konkurrenzfähigkeit des Standortes infrage. Viele Fabriken mussten daraufhin geschlossen werden, kurze Zeit später wurde auch der Bergbau eingestellt.

Einige Bewohner von B. verzweifelten an diesem Wandel, etliche zogen weg. Andere wiederum vertrauten darauf, dass der zuletzt glücklosen Geschichte ihrer Heimat eine Wendung gegeben sein könnte. Vor allem die Flutung und Bewaldung des größten, einst bis an die Stadtgrenze reichenden Tagebaus Gottes Aue nährte diese Hoffnung. Heute sind fast alle ehemaligen Kohlegruben mit Wasser gefüllt und renaturiert. Manche Gegenden in der Nähe der Stadt wirken dadurch geradezu vorindustriell und beschaulich.